Selbstorganisation: Was Leiter von Imkern lernen können

Wie man selbstorganisierte Teams im Unternehmen führt.

Der Entrepreneurship-Professor Günter Faltin spricht in seinen Büchern und Vorträgen immer davon “An seinem Unternehmen und nicht in seinem Unternehmen” zu arbeiten. Wenn Du dich, genauso wie ich, jemals gefragt hast, wie man das praktisch umsetzen kann, dann solltest Du weiterlesen. In dem Buch “Der Bienenhirte” bin ich auf ein paar praktische Ansätze und gute Impulse dazu gestoßen.

In dem Buch “Der Bienenhirte” von Rini van Solingen geht es um den fiktiven IT-Leiter Mark, dessen Unternehmen gerade einen Wandel zu agileren, selbstorganisierenden Teams durchmacht. Mark steht dabei viel zu oft an vorderster Front und fragt sich, wie er die Verantwortung auf sein Team übertragen kann.

Der Führungsstil von Hirten und Imkern

Bei einem Kurzurlaub besucht er seinen Großvater auf einer Insel und erfährt von ihm die Geschichte, wie er sich einst vom Schäfer zum Imker umorientieren musste und welche Lektionen er dabei gelernt hat.

Die Analogie des Schäfers, bzw. Imkers als Führungsstil finde ich echt gelungen. Beide Arten haben ihre Daseinsberechtigung (so wird man Schafe schlecht als Imker führen können). Sie unterscheiden sich aber signifikant voneinander.

Der Schäfer und sein Hund agieren direkt im Unternehmen mit “command and control”. Sie schieben jedes einzelne Schaf in die gewünschte Richtung, scheren selbst die Wolle und kümmern sich um jeden einzelnen Aspekt des Schaf-Lebens. Schafe organisieren sich nicht selbst, sondern sind vom Führungsstil des Schäfers abhängig.

Imker hingegen schaffen das produktive Arbeitsumfeld, in denen die Bienen optimal arbeiten können. Die eigentliche Arbeit wird von den Bienen selbst organisiert. Für den Imker zählt am Ende nur das Ergebnis: der Honig. In ständigen Iterationen versucht der Imker, Probleme aus dem Weg zu schaffen, die Honigproduktion zu erhöhen und das optimale Produkt zu erschaffen.

Als Imker hat man die Aufgabe, all diese Probleme herauszufinden und aus dem Weg zu räumen. Je weniger Zeit die Bienen vergeuden, desto mehr Honig hast du.

Zitat aus dem Buch der Bienenhirte
Selbstorganisation: Photo by Jez Timms on Unsplash
Selbstorganisation bei Bienen: Photo by Jez Timms on Unsplash

Während ein Hirte nur eine Herde gleichzeitig führen kann, unterhält der Imker zahlreiche Bienenvölker. Um zu Faltin zurück zu kommen: er arbeitet an seinem Unternehmen und der Hirte in seinem Unternehmen.

Zum Glück sind wir Menschen nicht darauf festgelegt, Schaf oder Biene zu sein. Die Veränderung beginnt allerdings im Führungsstil. Eine “Schafsherde” wird nie zum Bienenvolk im übertragenen Sinne, wenn der Hirte nicht vorher zum Imker geworden ist. Und das bedeutet in aller erster Linie: Loslassen! Seinen Schafen Freiheiten geben und ihre Bieneneigenschaften selbst entdecken lassen.

Bei Schafen schaust du nach der Herde, bei Bienen nach dem Honig.

Auszug aus dem Buch „Der Bienenhirte“

Mitarbeiterführung durch Agilität und Selbstverantwortung

Als Imker muss man darauf vertrauen, dass die Bienen von Natur aus hart arbeiten wollen und ihre Arbeit erfolgreich selbstständig meistern. Anstatt die Schafe durch die Gegend zu schupsen, definiert der Imkern nur noch den Rahmen, nach dem gearbeitet wird:

Dadurch entsteht das Bienenhirten-Model:

  • Jede Veränderung beginnt zunächst bei uns selbst. Man muss sein eigenes Handeln hinterfragen. Sind die Dinge, die ich gerade tue, Hirten- oder Imkertätigkeiten? Welche Hirtenangewohnheiten muss ich ablegen und welche Imkerfähigkeiten lernen?
  • Dem Team und Teammitgliedern Vertrauen schenken. Vertrauen ist eine wertvolle Investition in Menschen. Niemals dem Team die Schuld für Probleme geben, sondern die Ursachen dahinter finden und beheben. Als Imker mischt man sich nie in die operative Arbeit seiner Bienen ein. Statt die Arbeitsweise aufzudiktieren, gilt es, den Kontext zu optimieren in dem das Team arbeitet.
  • Transparente und regelmäßige Lieferrythmen etablieren. Hier helfen agile Projektmanagement-Methoden wie z.B. Scrum, wo mit kurzen Sprints gearbeitet wird. Schnelle Iterationen vermeiden große Fehler, befriedigen ungeduldige Kunden und motivieren das Team.
  • Klare Absprachen und Regeln sorgen für einen festen Rahmen, in denen sich Teams selbst organisieren können. Der Rahmen kann jederzeit neu diskutiert werden — bis zu dem Moment, in dem er einengt (also seine Funktion erfüllt). Regeln dürfen nicht gelockert werden, wenn diese greifen. Daher sind kurze Zyklen sehr wichtig, um mehr Möglichkeiten zu haben den Rahmen immer wieder zu optimieren.
  • Die wesentliche Aufgabe eines Leiters besteht darin, eine Vision zu geben, Ziele zu setzen und Probleme zu beseitigen. Ziel seiner Arbeit ist eine kollektive Unternehmenskultur herauszubilden. Diese zeigt sich oft in kleinen Details: Fühlen sich Mitarbeiter für die Ergebnisse ihrer Kollegen verantwortlich? Wird nur das nötigste erledigt? Schauen alle über ihren Tellerrand hinaus? Ist jeder bereit auch “einfache” Aufgaben zu erledigen? Ist auch der Hausmeister beim Betriebsausflug dabei? Um nicht doch operativ einzugreifen, gilt es, die Ergebnisse zu loben und nicht die Arbeits- oder Herangehensweise.
  • Es gilt, nie den status quo zu akzeptieren: Sich zu verbessern hört niemals auf. Das Team braucht Raum zum Experimentieren und die Freiheit auch Fehler zu machen, denn diese gehören zum Lernen dazu.

Selbstorganisation fördern heißt: Loslassen

“Ausprobieren wollen” ist eine Grundvoraussetzung für schnelles Lernen.

Auszug aus dem Buch

Das Buch führt einen, ähnlich wie bei “Big 5 for live”, anhand einer Geschichte durch die verschiedenen Lektionen des “Imkerdaseins”. Dadurch ist es keine schwere Kost und kann nebenbei unterhaltsam gelesen werden. Als Imker zu führen ist viel anspruchsvoller, als der Führungsstil eines Hirten. Denn es braucht Einfühlungsvermögen, Verständnis, Vertrauen, sowie einen holistischen Blick, den perfekten Rahmen für sein Bienenvolk zu bieten.

Die Versuchung operativ einzugreifen, ist, zumindest bei mir selbst, immens hoch. Aber Dank des Buches habe ich ein Stückchen mehr verstanden, mit welchen Regeln man an seinem Unternehmen arbeiten kann und wie man erkennt, dass man gerade dabei ist, in seinem Unternehmen zu arbeiten.

Selbstorganisation: “A honeycomb pattern in the facade of a modern office building” by chuttersnap on Unsplash
Selbstorganisation: Photo by Jez Timms on Unsplash“A honeycomb pattern in the facade of a modern office building” by chuttersnap on Unsplash

1 Gedanke zu “Selbstorganisation: Was Leiter von Imkern lernen können”

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