Sind wir Narren des Zufalls?

Der schlimmste Erfolg ist jener, den man nicht versteht. Da man ihn nicht reproduzieren kann und keine Maßnahmen ergreifen kann, wenn der Erfolg nachlässt.
So kann es sein, dass man an der Börse oder auch in seinem Startup einen großen Erfolg aufgrund unbekannter Parameter hat und irgendwann genau jener Parameter wegfällt (sei es eine Änderung am Google-Algorithmus, der den Nutzerzuwachs ins negative Rutschen lässt).

Daher sind wir immer bemüht, Erklärungen zu finden. Solche Dinge wie “Der Anstieg der Nutzerzahlen unserer Software ist auf die Änderung X zurückzuführen” oder “Weil es eine Einigung mit China gab, ist jetzt die VW Aktie gestiegen”. In seinem Buch “Narren des Zufalls” warnt uns der Autor Nassim Nicholas Taleb davor, der Komponente “Zufall” eine viel zu geringe Bedeutung beizumessen.

Gerade bei Erfolgen fällt es uns schwer einzugestehen, dass man eine Menge Glück hatte. Viel eher schreibt man seine Erfolge den eigenen Fähigkeiten zu. Dies kann dann zu Schwierigkeiten führen, wenn man seine Entscheidungen auf Basis dieser Erfahrungen fällt.

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Der größte Trader aller Zeiten

Als ich mich letztes Jahr intensiver mit dem Thema Bitcoin auseinandergesetzt habe, bin ich zufällig in einen echten Bullenmarkt eingetreten. Egal wie ich mich im Markt verhalten habe, fast jede Entscheidung hat zu einer Vermehrung meines Bitcoin-Depots geführt. Besonders trügerisch dabei: Besonders gute Trades (20% über Nacht) hab ich immer auf meine guten analytischen Fähigkeiten zurückgeführt, während alle verpassten Chancen sofort in Vergessenheit gerieten. Insgesamt war ich doch erfolgreich! Dabei hätte letztes Jahr sogar ein Affe mit zwei Tradingknöpfen überm Futternapf unglaubliche Umsätze erzielen können. Als der Bitcoin letztes Jahr von 3000 € auf knapp 20.000€ anstieg, hätte man sich schon echt Mühe geben müssen nicht mindestens eine Verdoppelung seines Bitcoin-Vermögens zu erreichen.

Genau jene Fehlannahme, “ich bin der größte Trader aller Zeiten” führt zu gefährlichen Trugschlüssen. Das Glück zum richtigen Zeitpunkt mit dem Handeln zu beginnen führt zu der Überzeugung, die Kursentwicklung quasi vorhersagen zu können. Dies führt zu immer mehr falscher Sicherheit und dazu, dass man am Ende mit seinem letzten Trade einen viel zu großen Betrag aufs Spiel setzt.

Der Survivorship Bias

Gerade an der Börse ist der sogenannte “Survivorship Bias” eine gefährliche Angelegenheit. Der Survivorship Bias bezeichnet den Fehlschluss, nur die “überlebenden” Ausgänge in seine Bewertung mit einzubeziehen. In vielen Situationen sind die erfolgreichen Erfahrungen sichtbarer als die erfolglosen, was wiederum zu einer Verzerrung der Wahrnehmung führt. So sieht man die Trackreccords erfolgreicher Investmentbanker und denkt, “die Profis haben es aber drauf, denen vertraue ich mein Geld an” und sieht nicht die hunderttausenden Kollegen, die vor Jahren gefeuert wurden, weil sie zufällig falsch gelegen haben.

Der Autor nennt als Beispiel eine Horde Affen, die es schaffen einen vollständigen Satz auf einer Schreibmaschine zu tippen. Das Ganze ist nur dann beeindruckend, wenn nur wenige Affen es versucht haben. Wenn z.B. Milliarden von Äffchen auf Schreibmaschinen rumhämmern, ist es plötzlich keine Überraschung mehr, dass irgendwo zufällig ein sinnvoller Satz entsteht.

Das Beispiel aus dem Buch ist schon weit hergeholt. Ich fand die Geschichte auf Wikipedia zum Thema Survivorship Bias viel interessanter.

“Der Begriff geht auf die Arbeit englischer Ingenieure im Zweiten Weltkrieg zurück, welche die Panzerung der Flugzeuge verbessern und somit die Überlebensrate der Piloten steigern wollten. Sie verstärkten zunächst die Panzerung der zurückgekehrten Maschinen an den Stellen mit den meisten Einschusslöchern. Allerdings verbesserte sich dadurch die Überlebensrate nicht. Der Mathematiker Abraham Wald erkannte schließlich den Irrtum und regte an, die Flugzeuge dort stärker zu panzern, wo sie keine Einschusslöcher aufwiesen, da Treffer an diesen Stellen offensichtlich einen Absturz auslösten und somit die Rückkehr unmöglich machten.”

Zitat aus „Denkfehler die uns Geld kosten“ FAZ 06.12.2018

Survivorship Bias in Hollywood

Wir betrachten Hollywood als den Ort, wo man zum erfolgreichen Schauspieler wird und vergessen die größere Zahl derer, die dort als Kellner arbeiten und seit Ewigkeiten auf ihren Durchbruch warten. Viele davon sind unglaublich talentiert. Am Ende ist der Unterschied zwischen einem guten erfolgreichen Schauspieler und einem guten nicht erfolgreichen Schauspieler ein kurzer Moment des Zufalls: Dem Casting für eine gute Rolle in einem erfolgreichen Film.

Bei denen, die so richtig an der Börse zocken und nicht investieren, gibt es ein Menge Vertreter der “Charttechnik”. Es wird versucht, in den kurzfristigen Schwankungen an der Börse bestimmte Muster zu erkennen und aufgrund fester Regeln Prognosen über die Kursentwicklung zu erstellen. Witzigerweise funktioniert das häufig auch. Der Autor führt auf, dass viele dieser Regeln ebenfalls dem Survivorship Bias unterliegen. Regeln, die in der Vergangenheit funktioniert haben setzen sich durch. Wenn eine bestimmte Masse an diese glaubt, haben sie auch tatsächlich einen Einfluss auf den Aktienkurs.

Wir sind nicht dafür geschaffen, Dinge als voneinander unabhängig zu betrachten. Wenn wir Ergebnis A und Ergebnis B beobachten, fällt es uns schwer, nicht anzunehmen, dass A B verursacht oder B A hervorgerufen hat oder beide wechselseitig abhängig sind.

Zitat aus dem Buch „Narren des Zufalls“

Zufall in der Charttechnik

Meine persönliche Erfahrung mit der Charttechnik ist, dass es zwar Regeln gibt, denen der Kurs eine Zeitlang folgt. Aber man kommt immer auf eine 50:50 Chance. Also so etwas wie “Wenn der Kurs die Trendlinie unterschreitet, geht es weiter bergab, ansonsten wird es bergauf gehen”. Blöd nur, wenn man nicht auf den Cent genau sagen kann ob die Linie unterschritten wurde oder nicht und sekunden später der Kurs ausbricht. Am Ende muss man sich vorher schon für einen möglichen Ausgang entschieden haben und gehört dann entweder zur Gruppe der glücklichen Gewinner oder zu den Verlierern.

Wenn es wirklich verlässliche Regeln in der Charttechnik gäbe, würden sich diese selbst vernichten. Denn wenn alle am Markt glauben, dass z.B. Montag Mittags die Kurse steigen. Würden alle Montag morgens einkaufen um die Gewinne mitzunehmen und damit aber den Kursanstieg auf den Morgen verlegen.

Am Ende ist das Ganze sehr ähnlich mit dem Partyspiel, wo alle einen Knopf drücken müssen und der letzte der loslässt bekommt einen Stromschlag.

Betrug mit Hilfe des Zufalls

Ein weiteres spannendes Beispiel aus dem Buch ist folgende Betrugsmasche: Ein Betrüger schickt 10.000 Haushalten einen Brief. In der Hälfte der Briefe steht “Morgen steigen die Kurse” in der anderen Hälfte steht “morgen sinken die Kurse”.

Einen Tag später schickt der Betrüger den 5000 Empfängern, die die korrekte Prognose bekommen haben, einen neuen Brief. Wieder bekommt die eine Hälfte den Satz “Morgen stiegen die Kurse” und der anderen Hälfte das Gegenteil. Am Dritten Tag wiederholt er dies mit 2500, am vierten mit 1250, am 5. Tag mit 625. Am 6. Tag macht er den 312 Empfängern, bei denen er immer richtig gelegen hat, das Angebot, Geld bei ihm anzulegen, da er ja unglaublich präzise Vorhersagen machen kann. Die, die auf ihn reinfallen unterliegen genau jenem Survival Bias, da sie die Zahl der gesammten Akteure übersehen.

Das Buch ermahnt uns, bei allem was wir erfahren und bei allen Entscheidungen, die wir treffen die Frage zu stellen: Wie sehen die alternativen Ausgänge aus? Betrachte ich bei meiner Stichprobe die richtigen Daten?

Hab ich immer alle Daten im Blick?

Die Lebenserwartung eines 80-jährigen in einem Land mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 79 Jahren ist nicht -1, sondern vielleicht 7-8 weitere Jahre. Da man aus der Statistik alle herausrechnen muss, die vor unserem 80-jährigen bereits ihren Platz in der Statistik eingenommen haben. Um die Lebenserwartung eines 80-jährigen zu ermitteln, muss man nicht auf die Gesamtbevölkerung schauen, sondern nur noch die Gruppe betrachten, die das 80. Lebensjahr erreicht haben. In dieser Gruppe wird die durchschnittliche Lebenserwartung vermutlich bei 85 oder sogar 90 Jahren liegen.

Man kann sich den Survivorship Bias auch zu nutze machen, in dem man am Ende des Artikels um nette Kommentare und Feedback bittet, da diejenigen die ihn langweilig fanden, es gar nicht bis zu diesem Abschnitt geschafft haben.

In dem Sinne: Lasst mal einen Kommentar da 😉.

Cover image Photo by Quentin Rey on Unsplash


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